Man mag mir verzeihen, wenn ich heute dieses Thema anschneide.

Das Ungeliebte. Das man besser vermeiden sollte. Weil wir uns alle fürchten davor.

Denn jeden kann es treffen. Alle wollen alt werden, aber keiner will es sein.

Doch je älter wir werden, desto größer wird das Risiko. Diese Diagnose zu bekommen...


Mein so stolzer und schöner Großvater erkrankte daran. 

Er, der seine beiden geliebten Söhne im Kindesalter mit eigenen Händen zu Grabe trug.

Der im 1.Weltkrieg bis zu einer schweren Verwundung Soldat sein musste.

Und im zweiten zum Volkssturm einberufen wurde, um Berlin zu verteidigen.


Ich liebte diesen großen, schlanken Mann mit den weißen Haaren.

Der mich (als ich klein war) allerdings immer wieder fragte: "Wo sind meine Söhne?"

Sie waren tot, als Kleinkinder gestorben, er hatte sie mit eigener Hand zu Grabe getragen.

Was für eine Zeit war das, da Väter selbst Särge zimmern mussten?

Und Mütter voller Verzweiflung ihre toten Kinder waschen und bekleiden für den letzten Weg...


Diese Vorstellung hat mich ein Leben lang begleitet. Und bedrückt.

Das dunkle Ost-Berlin, das wir alle zwei Jahre aus "dem Westen" heraus besuchen durften. 

Ich würde eigentlich an diesen Ort gehören, so sagten die Eltern, er sei unsere Heimat.

Ich fürchtete mich dort immer. Vor der Dunkelheit der milchigen Straßenlaternen.

Und der Angst und Anspannung der alten Großeltern, die für mich immer zu spüren war...


Die Eltern meines Vaters, die nicht weit davon entfernt lebten, die kannte ich kaum. 

Meine Mutter vermied jegliche Besuche mit mir dort und irgendwie spürte ich instinktiv, 

dass da irgendetwas nicht stimmte und ich strikt ferngehalten wurde.

Erst als ich schon über fünfzig Jahre alt war erfuhr ich die vermutliche Wahrheit.               

Mein Vater war nicht der eingetragene Ehemann. Sondern ein ganz anderer Mensch... 


Sind das die Grundlagen für all' das was folgte und sich durch mein Leben zog?

Erst heute verstehe ich es besser, da ich über meinen Lebensweg nachdenke. 

Nach dem Tod meiner Mutter verließ ich das Ruhrgebiet und zog ans Meer.

Schon immer hatte ich es geliebt und es war für mich stets ein Symbol von Freiheit und Weite.

Doch als ich dort lebte, da begriff ich, dass man nicht zu fliehen vermag.

Vor seinen Erbanlagen, der Familiengeschichte, dem eigenen Schicksal.


Auch ich gab einen Sohn her. Als wiederhole sich das Geschehene.

Die beiden anderen Kinder gingen fort in die Fremde. Wie einst meine Eltern.

Aber ich wollte nicht sein wie sie. Sondern eben ICH. In einer ganz anderen Zeit.

Doch man kann nicht weglaufen. Das Schicksal beeinflussen im eigenen Sinne.

Irgendwie scheint es voherbestimmt zu sein. Festgelegt. Unentrinnbar.


Wie hätte ich gelebt, wenn ich das schon vor fünfzig Jahren gewusst hätte?

Vermutlich ganz anders! Aber man begreift alles erst sehr viel später. Zu spät?


Ich leitete stellvertretend einen ambulanten Pflegedienst.

Diese Einrichtungen waren damals ganz neu und vermutlich billiger als Menschen in Heimen.

Was mir zuerst als gute Lösung erschien, bis ich Zweifel bekam.

Als man plötzlich vom TÜV zertifiziert sein musste und uns Fortbildungen fehlten,

da entschied ich mich freiwillig dafür und wählte den Bereich der Gerontopsychiatrie.


Etliche Fortbildungswochen folgten, die meine Sichtweise auf die Welt veränderten. 

Dann lernte ich Naomi Feil kennen und ihre Art vom Umgang mit verwirrten alten Menschen.

Ich begriff, dass auch meine Mutter in diesen Patientenkreis gehört hatte.

Und man Menschen mit Demenz nicht wie "hilflose Kleinkinder" behandeln darf,

die man gewissermaßen "erziehen" muss, damit sie mit dem Leben klarkommen.

Weil ihre Art zu sein einfach eine Phase des Lebens ist und das Recht auf Verständnis hat.


Fortan spezialisierte ich mich gerade auf diese besonderen Patienten.

Hab' wohl nie in meinem Leben so herzlich mit mir anvertrauten Menschen geweint und gelacht.

Wir kochten gemeinsam, sangen Lieder die sie mochten, häkelten und strickten.

Ich sparte manchmal Betreuungszeit an und besuchte mit ihnen Cafés und Restaurants.

Seltsamerweise verhielten sie sich dann stets "völlig normal".


Mit meiner dreiundneunzigjährigen Lieblingspatientin fuhr ich mal nach Norden in ein Cafè.

Sie zog nach Tee, Kuchen und amüsanten Gesprächen ihre Geldbörse und rief: "Zahlen!"

Sie überflog die Rechnung und legte einen passenden Geldschein auf den Tisch.

Ich war total verblüfft! Wir unterhielten uns auf der Rückfahrt in meinem Auto angeregt.

Als sie am Horizont die Silhouette von Emden erkannte, da seufzte sie traurig und sagte:

"Nun geht es vom Himmel zurück in die Hölle!"


Schon damals dachte ich: 

"Was tun wir Menschen an, die oft leichtfertig als dement eingestuft werden?"

Die Gründe dafür sind einfach: Sie können sich nicht wehren. Und bringen gutes Geld ein!

Wie grausam. Und unmenschlich. Vor allem, wenn keine Angehörigen schützend tätig sind.


Den beiden alten Menschen in Brandenburg wird geholfen werden.

Denn sie haben vier "Kinder", deren Partner und etliche Enkel.



Wer solche Rückendeckung nicht hat, der ist zu bedauern.

Was wird aus mir

Ich versuche nicht darüber nachzudenken. Und tue es doch. Logisch...








Mein Kind, meine Tochter, hatte mir im Frühjahr einen Brief geschickt.

Ich las ihn immer wieder. Es war ein Hilferuf, so empfanden wir es. 

Und fuhren in die Ferne ohne lange zu fragen. Halfen. Kauften Material ein.

Einer baute ein. Eine brach Decken und gruselige Anbauten ab.

Wir kehrten zurück und halfen weiter. 

Geld spielte keine Rolle. "Eltern" fragen nicht.


Dann bemerkte ich plötzlich wie ich hintergangen wurde.

Dass mir der Lebenspartner genommen war, 

mit dem mich mehr als ein gemeinsames Jahrzehnt verband. 

Ich habe es wohl nicht verkraften können, auch wenn ich es tapfer versucht habe.


Pötzlich vergaß ich manches, von einem Tag auf den anderen.

Vielleicht war es nur das Leid. Oder war es mehr von jetzt auf gleich?

Nie wollte ich auf den Spuren meiner Mutter wandern. 

Ich war doch immer so ganz anders! Oder etwa doch nicht???