Wechselvolle Tage liegen hinter mir, gute und andere.
Eine Blogfreundin hat mich durch Zufall auf etwas gebracht:
Nach Emden werde ich zurückkehren, in mein verlassenes Haus,
erzählt habe ich aber hier recht selten von ihm - warum nicht?
Ich kann es gar nicht genau sagen, so sehr ich auch darüber nachdenke.
Es käme/ kommt mir vor, als würde ich seine Geheimnisse verraten.
Oder meine??
1987 zog ich im Frühjahr in eine kleine Doppelhaushälfte in Norden.
Ja, dies ist nicht nur eine Himmelsrichtung, sondern auch der Name einer Stadt.
Ich renovierte und sanierte, baute die kleine Doppelhaushälfte für die Familie um.
Ein Raumausstatter beschäftigte mich und ich fertigte emsig Jalousien und Rollos an.
Am Wochenende fuhr ich für einen Tag zur Insel Norderney hinüber,
um in einem Hotel zu putzen für 100 DM, die ich wiederum ins Haus steckte.
Meine Freizeit war knapp, aber ich entdeckte erstaunt mit 30plus das Tanzen für mich...
Bei einem Ausflug in die ca. 30 km entfernte Nachbarstadt Emden
bummelte ich mit meiner Teenagertochter durch die City und angrenzende Straßen.
Zu meiner großen Begeisterung stieß ich auf ein Viertel mit uralten niederländischen Häusern.
Nein, sie waren nicht so prunkvoll, wie im geliebten holländischen Den Haag. Aber doch reizend!
Man sah auf den Delft (Binnenhafen mit Booten) und war rasch am Wall (Emder Grünanlage).
Dort war alles ganz anders, als im eher bescheidenen Norden (Tor zu den Inseln)...
Groß war meine Überraschung, als 2 Jahre später ein "Holländisches Kaufmannshaus"
in eben jenen Straßen zum Verkauf stand, allerdings zu einem für mich utopischen Preis.
Die Kölner Eigentümer dachten an dort übliche Preise,
die für Emden einfach exorbitant hoch waren und kein Interessent bezahlen wollte.
Ich fragte trotzdem einen Besichtigungstermin an und bekam ihn auch.
Eine junge Studentin der Fachhochschule empfing mich und meine Tochter mit den Worten:
"Gehen Sie nur allein rein und schauen sich alles in Ruhe an, sie sind die 113. Besichtigung!"
Sie endete mit: "Sie kaufen das Haus sowieso auch nicht, alle wollen es nur ansehen..."
Ich trat in die eindrucksvolle Halle mit 3,70 m Raumhöhe und dicken Deckenbalken.
Der Boden bestand (besteht) aus gebrannten Lehmziegeln die Wände waren lehmverputzt.
Wir gingen durch Halb- und Volletagen, verirrten uns in den Räumen nach vorn und hinten.
Es war hochinteressant, aber auch verwirrend und schien unendlich zu sein.
Wieder unten in der Halle (und auf der Straßenebene) lehnte ich mich an einen Balken.
Und legte eine Hand an ihn. "Das war der Moment!", so sagte ich später oft.
Es war jener Augenblick, als das Haus mich "hatte". Ich war zutiefst berührt im Inneren.
Verhandlungen per Telefon und auch persönlich mit den Eigentümern waren fruchtlos.
Immer wieder hieß es: "In Köln wäre das ein Millionenobjekt!" Wir waren aber in Ostfriesland!
Ich arbeitete weiterhin extrem viel und zahlte auf mein kleines Haus ab, was nur ging.
1989 war das "Wendejahr", die Mauer fiel und anderes auch.
Denn das alte Emder Kaufmannshaus wurde von Studenten besetzt und von der Polizei beräumt.
Das Haus hatte Schäden, der Makler drehte durch und schließlich auch der ferne Besitzer!
Das Haus geriet in eine Versteigerung und ich war eine der wenigen Bieterinnen...
Ich wollte das Haus unter allen Umständen (aber mit innerem Limit natürlich) und bekam es!
Nun war ich im Druck mein Norder Objekt zu verkaufen, da mein Kapital darin steckte.
Ich sanierte es in langen Nächten fertig, bot es an und konnte es im dritten Anlauf verkaufen.
Wieder folgte ein Umzug mit eigenen Kräften und per PKw.
Der Anfang (ca. 3 Jahre dauernd) war hart, es gab keine Küche und kein Gäste-WC,
was bedeutete im Bad auf einem geschenkten 2-Platten-Kocher Essen zuzubereiten,
während die zahlreichen Gäste des Teenagersohnes zur Toilette wollten.
Und mit vielen uralten, teils zerschlagenen Schiebefenstern zu leben, im Winter vereist...
Im Laufe der Zeit fanden sich Nutzungen für die verschiedenen Räume
und ich hatte irgendwann endlich auch ein eigenes Schlafzimmer.
Die Küche kam zuletzt, ich mauerte sie aus Ytongsteinen und verputzte sie weiss.
Immer sechs Steine konnte ich in Fahrradtaschen mitbringen, ein Auto gab's nicht mehr.
Ich sparte einen großen Kühlschrank zusammen, eine Einbauspüle, den Gefrierschrank,
eine Kochmulde für Gas und baute an Silvester um 23 Uhr eine Arbeitsplatte ein. Geschafft!
War es zu spät? Mein Sohn zog aus, die Tochter begann ein Studium mit Umzug nach Hamburg.
Den Jüngsten gab es nicht mehr, ich blieb allein auf den fünf Ebenen des Hauses zurück.
Im Archiv der Stadt Emden erforschte ich seine Geschichte über fast 500 Jahre.
Und erfuhr vieles, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Verstand plötzlich Zusammenhänge.
Und da ich ohnehin ein spiritueller Mensch bin, geschah nun oft sehr seltsames.
Ich träumte z.B. vom Erbauer (oder sah ich ihn wirklich?) der wie ich einen Sohn verloren hatte.
Und die Partnerin, wie ich meinen Mann. Welche "Zufälle"?!
Er hieß Johannes, wie fast alle meine männlichen Partner (der jetzige nicht!).
Und andere Menschen, die in meinem Leben eine Rolle gespielt haben,
wie z.B. ein treuer Camino - Weggefährte, der Last aus meinem Rucksack getragen hat.
Alles nur Zufall, das könnte man sagen, oder: "Einbildung, weil du geschichtsbesessen bist!"
Vielleicht war/ist es so. Oder auch nicht. Darüber kann man diskutieren...
Das Haus stand später ein ganzes Jahrzehnt lang verlassen leer, dann kehrte ich zurück.
Und es lag nicht einmal Staub auf den Möbeln, die Sonne schien durch die Fenster,
als sei ich niemals fort gewesen, bzw. als habe sich jemand für mich um alles gekümmert...

Gestohlen an Materie war manches, durch diebische Nachbarn, aber damit konnte ich umgehen.
Dass ich lange krank war nach meiner Rückkehr, das allerdings musste ich erst einmal einordnen.
Und konnte es, nachdem ich die Zusammenhänge verstanden hatte und mich ihnen offen stellte.
Als ich meinem jetzigen Partner begegnete und er ins Haus kam, da kippte alles noch einmal.
Er war laut und rücksichtslos, wollte die alten Mauern sich untertan machen. Und mich auch.
Mir blieb nur übrig mein geliebtes Haus zu verlassen, um es zu beschützen!
Doch der Preis dafür war/ist hoch. Und ich vermag ihn jetzt nicht mehr zu bezahlen...
Niemals ist alles gut, alles leicht. Ist man immer glücklich. In meinem Alter weiß man das!
Aber auch, dass man manchmal gehen muss, um zu bleiben.
Ich war längst unterwegs zurück, ich habe es nur nicht realisiert, doch jetzt ist es mir ganz klar!