Lange ist es her, doch am heutigen Abend, da werde ich unverhofft an etwas erinnert....
Im Jahr 1980 sind meine Kinder drei und sieben Jahre alt, es ist unser erster Urlaub.
In den Niederlanden war ich vier Jahre zuvor schon und hatte mich dort wohlgefühlt.
Doch schien damals die Sonne und mit nur einem Kind war vieles anders.
Nun regnet es permanent und es ist schwer den gelangweilten Nachwuchs zu beschäftigen.
Mein (Ex-) Mann ruft immer wieder durch und versucht einen guten Rat zu geben:
"Die Vermieter haben doch ein Billard-Cafe, geht doch mal hin und trinkt Kakao!"
Nach den nächsten Tagen mit Schauern bin ich dafür reif, sonst drehe ich durch.
Die Tische und Sitze sind gut gefüllt und an den Spieltischen ist viel los.
Mein Dreijähriger macht sich auf zu sehen, was die Männer mit den Stöcken da machen.
Minuten später ist er zurück und auffallend ruhig, mit den Händen unter der Tischdecke.
Ein Mann erscheint plötzlich und spricht den Kleinen an: "Magst du sie mir wiedergeben?"
Um was geht es hier eigentlich? Mein Sohn weiß es und zieht die rechte Hand hervor.
Mit einer Billardkugel! Ach, du Schreck, ich könnte im Boden versinken, aber auf der Stelle...
Und blicke hoch, um mich zu entschuldigen. "Kinder sind manchmal unbedacht!"
Der Mann ist groß, braungebrannt von der Sonne und hat blitzeblaue Augen...
Es ist das, von dem viele Menschen sagen, dass es sie nicht gibt. Die Liebe auf den ersten Blick.
Aber ganz genau das war es! Mein Leben veränderte sich und war niemals mehr wie zuvor...
Unsere Beziehung wird zwanzig Jahre lang halten, mit vielen Höhen und noch mehr Tiefen.
Die Kids lieben ihn als Vater und ich irgendwie auch, denn zwischen uns liegen 20 Jahre.
Er möchte frisch geschieden heiraten, ich aber nicht, froh, dass ich frei bin.
So vergehen die Jahrzehnte, in denen wir und auch die Kids älter werden.
Als sie erwachsen sind und der Traumprinz ein reifes Semester erreicht hat,
da macht er mir einen offiziellen Heiratsantrag mit Lokal, Essen und Sekt.
Aber in den zwei Jahrzehnten habe ich nicht nur viel über ihn gelernt.
Sondern vor allem über mich. Und so ist der Antrag abgelehnt und der Anfang vom Ende...
Ich weiß inzwischen dass ich die Freiheit liebe, den Wind in den offenen Haaren.
Dass ich mich durch Diskotheken tanzen mag und nicht eingesperrt sein möchte.
Von einem Mann, der alle Freiheit für sich beansprucht, aber einen Heimathafen sucht.
Es ist zu spät für vieles und als "das Erste" einen Film über uns dreht, da ist es noch klarer.
Ich trenne mich und reiße ihn mir aus dem Herzen. Da haben wir 1997.
Ich gehe für einige Jahre nach Hamburg und danach ins Seevetal, arbeite viel.
Als ich frühverrentet werde, da entdecke ich die Jakobswege in Spanien für mich.
Merke, dass ich vieles versäumt habe im Leben und hole manches nach...

- Ganz links bin ich zu sehen, daneben Pilger (-innen) aus Dänemark, Belgien und Schweden). -
Ich frage mich wer ich eigentlich bin und was ich aus meinem Leben noch machen will.
Fahre mutig mit meiner Tochter nach Emden zum lange verlassenen Haus.
Und kehre (noch mutiger!) tatsächlich dahin zurück, was nie beabsichtigt war...
"Upcycling" wird mein Thema, weil alte Möbel da sind, die mir nicht mehr gefallen.
Und ich meine ungewohnt freie Zeit sinnvoll füllen will.
Manchmal klebt ein rotes Herzchen am Briefkasten, ganz an der Seite.
Und ich frage mich, wer da ein Zeichen hinterlassen hat?!
Um die Ecke ist das Hotel, in dem "er" immer genächtigt hat, bei Geschäftsterminen.
Irgendwie freut mich so eine kleine Nachricht, andererseits nicht.
Denn mein Leben ist total verändert, nach einer Auseinandersetzung mit meinem Sohn.
Ein Mann ist in mein Leben gekommen, der genau das an sich reißt...
Meine Tochter fragt mal: "Ob Hans wohl noch lebt?" Und da google ich.
Seine Firma existiert noch, er ist als Geschäftsführer genannt. Aha!
Vor zwei Jahren wird er dann sage und schreibe neunzig Jahre alt.
Es findet sich online ein Zeitungsfoto, das ich mir lange anschaue.
Irgendwie berührt es mich. Andererseits nicht. Es ist alles sooo lange her!
Trotzdem schaue ich mich bei Facebook um und melde mich dafür an.
Er hat tatsächlich einen Account und postet ab und zu etwas.
So sehe ich ihn älter werden und bin froh, nicht (mehr) an seiner Seite zu sein.
Es wäre ein ganz anderes Leben, als jenes, das ich führe.
Alles würde sich nach ihm richten, zwangsläufig, das ginge nicht für mich!
Nach ewiger Zeit schaue ich heute nach Facebook, wo ich mich nicht recht auskenne.
Mir wird eine Nachricht (oder irgend sowas) angezeigt, womit ich nichts anfangen kann.
Und klicke auf das Symbol, woraufhin eine vertraute Stimme erklingt.
Vermutlich bin ich echt zur Salzsäule erstarrt in diesem Moment.
Eine Stimme zu hören, die man seit Ewigkeiten nicht gehört hat
und die absolut jung und wie "damals" klingt, das haut mich einfach um...
"Er" nennt mir seine Rufnummer und bittet mich ihn anzurufen.
Nach 28 Jahren ohne irgendeinen Kontakt, unfassbar!
Und jetzt????
Es war einmal "unser" Lied. 1980...