Gestern konnte ich kaum noch ein paar Schritte gehen, als ich aus dem Auto stieg.
Die Beine hart wie Stein, die Schultern steif wie ein Brett,
der Rücken ein einziger wahnsinniger Schmerz.
Es war zu viel, das ich schaffen musste, ich ging über alle Grenzen.
Dabei hatte mich einst mein schwerer Bandscheibenvorfall anderes gelehrt...
Heute liege ich den ganzen Tag über im Bett,
weiß nicht wie ich mich drehen oder wenden soll.
Die Schmerztabletten wirken nicht, acht waren es insgesamt, mehr geht nicht.
Hilflos fühle ich mich, wie ein Fisch, der aus dem Wasser gezogen wurde.
Ein gefangener Vogel im eisernen Käfig, der nicht zu entkommen vermag...
Wenigstens habe ich gestern einen Brief geschrieben, ohne große Hoffnung.
Oder doch nicht? Der Adressat war einst ein täglicher Gast in meinem Haus.
"Wie's Kind im Huus", so sagen die Ostfriesen. Und so liebte ich ihn.
Dass er nie mein Schwiegersohn werden würde, das befürchtete ich doch.
Und als er eiskalt abserviert wurde, da kam er trotzdem lange noch...
Es gibt sie nicht mehr so oft, diese treuen Partner, die tief und ehrlich lieben.
Heiraten wollen, sich Kinder wünschen, ein Haus für sie erbauen möchten.
Es sind jene ehrlichen Menschen, die gegen Nichtsnutze ausgetauscht werden.
Und dann die Welt nicht mehr verstehen können...
Eines Tages klingelte es das letzte Mal dieser Art an meiner Haustür.
Tranken wir den letzten gemeinsamen Ostfriesentee, mit Sahne und Kluntje.
Der Verlassene und Betrogene war neu verliebt, und ich freute mich für ihn!
Wie ich mich bei meinem eigenen Sohn gefreut hätte, nicht weniger.
Aber es wurde nun still in meiner Küche mit dem selbst gemauerten Bar-Tresen...
Lange ist das her, ich zog in die Nordheide, mein Enkel wurde geboren,
ich arbeitete in Hamburg, um die für die Tochter gekaufte Wohnung zu bezahlen.
Ein bitterer Wechsel, vom großen Kaufmannshaus in ein kleines Apartment.
Vom Job in verantwortungsvoller Leitungsfunktion in ein Lager in Altona.
Es hat niemand gefragt, wie es mir dabei erging. Und ich habe nichts gesagt...
Alles, was mich zur Zeit im allerwahrsten Sinne "belastet", hat dort seinen Ursprung.
Helfen zu wollen, Unterstützung zu bieten, wo doch schon der Vater tot war.
Hat der junge Mensch, für den das getan u. geopfert wurde, es überhaupt verstanden?
Heute bezweifle ich das, heute, da es nun mein Lebensgefährte ist,
mit dem ich im 11.Jahr zusammen war, und der nun das Objekt der Begierde ist...
Muss man sich wirklich alles gefallen lassen, immer nachgeben und verzeihen?
Meine Grenzen sind jetzt nicht nur erreicht, sondern längst überschritten, das ist klar.
Spätestens, als ich reichlich unverblümt gefragt wurde, wer mal mein Haus erbt?
An diesem Tag haben dann schließlich alle Alarmglocken geläutet und das heftig!
Es war jener Moment, in dem ich endlich begriffen habe um was es geht: Geld...
Längst ist meine Immobilie nicht voll bezahlt, aber ich kämpfe darum.
Und werde es jetzt für mich tun und endlich einmal an mich denken.
Meine Erben (wenn es denn dann noch etwas "zu holen" gibt) überlege ich mir.
Mit aller Sorgfalt. Aber auch Traurigkeit. Ich besitze keine Villa, nur ein uraltes Haus.
Baujahr 1565, von einer holländischen Kaufmannsfamilie einst erbaut...
Geschrieben habe ich also einen Brief, in der Hoffnung auf handwerkliche Hilfe.
Und die Auferstehung einer sehr alten Freundschaft und Verbundenheit.
Werde ich überhaupt eine Antwort bekommen? Wird eine Bitte Resonanz finden?
In den kommenden Tagen werde ich es (hoffentlich) erfahren, oder auch nicht.
Meinen Nachbarn in Emden (die mein Haus wollten) habe ich eine Absage erteilt...
Ich lebe noch und kehre erst einmal zurück in mein früheres Heim.
Es hat derzeit weder Wasser noch Internet. Keine Heizung, kein Fernsehen.
Eigentlich braucht man das alles, oder wünscht es sich zumindest.
Schon als Kind war ich nie verwöhnt und mehr als genügsam.
Auch heute sind meine Ansprüche bescheiden. Gibt es sie überhaupt (noch)?
Wieder am Leben sein möchte ich. In Sicherheit. Mich daheim fühlen.
Aber wünschen sich das denn nicht alle Menschen auf der Welt?
05-06-2025