Der gestrige Tag steckt mir noch absolut in den Knochen.
Ach nein, das ist ganz falsch ausgedrückt.
Besser: Er geht mir nicht aus dem Kopf.
Die Faust, die frühmorgens wild gegen die Tür meiner kleinen Schlafstube hämmert.
Und mich fast zu Tode erschreckt.
Bin ich doch gerade erst ein wenig eingedämmert, nach schlafloser Nacht...
Vor Angst und Panik aus dem Bett zu springen war verkehrt.
Aber nachvollziehbar. Oder wäre alles falsch gewesen?
Da war noch ganz kurz der Gedanke: "Was ist denn los mit deinem Kopf?"
Und dann fiel ich schon, in eine Tiefe, die schier nicht enden wollte.
Und die ich wohl irgendwie mit dem Tod verband.
So ist das also. So einfach. Einfach so. Das war es dann...
Aber ich wachte auf. Irgendwie erstaunt. Und total kraftlos.
In einer völlig nassen und klebrigen Schlafanzughose.
Ich schämte mich zutiefst, zog sie vorsichtig aus und wusch sie und mich.
Das Herz klopfte mir noch immer im Hals, zugleich dachte ich es stände still.
So etwas habe ich bisher noch nie erlebt und dachte nicht,
dass es sich wiederholen würde, aber so war es später am Tag noch einmal.
Ich verstehe nun, wie Menschen sich unter einem schweren Schock fühlen.
Sie sind irgendwo dazwischen. Und der Körper sucht nach einer Entscheidung...
Was ich da erlebt habe, das werde ich nie vergessen und es war mir eine Lehre.
Ich selbst bin für mich verantwortlich und muss für mich sorgen!
Genug essen. Reichlich Flüssigkeit zu mir nehmen. Und in Ruhe schlafen.
Ich hoffe, dass es sich nie wiederholt!
Es könnte beim nächsten Mal noch ganz anders verlaufen...
Am Abend nehme ich zum ersten Mal an einem "Video Call" teil.
Mache mir wie immer viel zu viele Gedanken vorher.
Wie funktioniert die Technik überhaupt, ich hab' keine Ahnung.
Kann mein Gerät das, werde ich dabei gesehen, was sind das wohl für Leute??
Eine Therapeutin hat es mir kostenlos angeboten, als Versuch.
Ich hab' wirklich gar nichts erwartet und vielleicht gerade deshalb viel bekommen!
Alles war sehr informativ, ich habe mir viele Notizen gemacht, um nichts zu vergessen.
Und als die anderen Teilnehmer sich nach und nach ausklinkten,
da hatte ich plötzlich ein "Einzeldate". Und das war wirklich toll!
Ich habe sogar Antworten auf Fragen bekommen, die ich gar nicht gestellt hatte.
Da war ich schon sehr erstaunt. Und es brachte mich erheblich weiter!
Ich habe gut geschlafen in der letzten Nacht, müde genug war ich bestimmt.
Wollte mich dann heute beim Barber wie vereinbart "aufhübschen" lassen,
denn die Haare hängen mir schon lang über die Ohren,
aber er war leider krank und sein holdes Weib vertröstete mich auf morgen...
Nun denn, es war warm, die Sonne lachte vom Himmel, das nutzte ich,
schlenderte nach Jahren durchs Dorf mit seinen Baustellen und Veränderungen,
die ich alle gar nicht kannte und die mich teils echt überraschten.
Ich fand auch Rinden, Zapfen, Moos und anderes, das kam in den Rucksack.
Dann traf ich auf Nachbarn und ein Klönschnack entwickelte sich.
Mehr kann man nicht verlangen, es ging mir wirklich gut heute!
Ich bin dankbar für Kleinigkeiten, freue mich, dass meine Blumen blühen.
Schon Bienen im Garten summen, die Wäsche von gestern getrocknet ist.
Dass ich allein bin, niemand mich schikaniert und herabwürdigt!!!
Meine zukünftige Emder Nachbarin meldet sich und fragt nach meiner Rufnummer.
Dürfte ich ihr eigentlich nicht geben, laut Hausherrn, aber ich bin ja nun allein...
Nun können wir morgen telefonieren (ich brauch' irgendwie Umzugshilfe)!
Gegessen habe ich was und viel getrunken, ich werde mehr auf mich achten!
Vor allem die Stille war wunderbar,
dieses Sicherheitsgefühl, dass nichts passieren kann und wird.
Ich hatte gar nicht bemerkt, was das mit der Zeit aus mir gemacht hat...
Aber ich beginne mich zu erinnern. Und vielleicht werde ich wieder "ICH"!!!
Ich habe ein eigenes Haus, das können nur wenige fliehende Frauen sagen.
Und weiß, dass ich ein sehr starker Mensch bin, das habe ich oft bewiesen.
Ganz sicher wesentlich stärker als der Mann, den ich verlassen werde!
Sonst bräuchte er Frauen nicht zu bedrohen...
