Wir haben uns 2015 kennengelernt. Mehr oder weniger unvermittelt.

Es war mein Schicksalsjahr, in dem ich so viel verlor.

Und mir das, was ich dafür bekam, am Ende zur Falle wurde.

Aus der ich bis heute nicht zu entkommen vermochte.


Mein Sohn geriet durch eine Frau in eine fatale finanzielle Situation.

Und erwartete von mir, dass ich ihn irgendwie daraus erretten würde.

Was nur möglich gewesen wäre, wenn ich mein Haus dafür verkauft hätte.

Oder plötzlich verstorben und es vererbt hätte...


Damals habe ihn ein letztes Mal gesehen und es war eine fatale Begegnung.

Die beinahe mit einem Unglück geendet hätte, aber ich hatte einen Schutzengel.

Oder wir beide. Denn er hatte die Chance sich zu fangen und neu zu beginnen.

Und ich konnte weiterleben. Allerdings mit Handicap.


Aus einem Handwerker, der genau in diesen Tagen ins Haus kam, wurde ein Partner.

Das glaubte ich jedenfalls für einige Zeit, bis ich die Wahrheit erkannte.

Doch der Situation zu entfliehen vermochte ich nicht ohne Gefahr.

So wurden elf Jahre daraus. In denen wohl keiner von uns so richtig glücklich war.


Jedenfalls musste ich das ab vorigem Jahr unvermittelt so sehen.

Als ich einen Hilferuf meiner Tochter bekam und mit Partner zu ihr eilte, ohne zu fragen.

Dass sich dadurch zwei Menschen begegneten, die mich zu belügen begannen,

das habe ich lange nicht erkannt. Weil ich ihnen schlicht vertraut habe.


Seine Brandenburger Familie lehnte mich ab. Zu lieb. Zu leise. Zu freundlich.

So empfand man mich. Für mich waren sie zu laut und vor allem viel zu trinkfreudig.

Ich erhoffte eine neue Familie zu bekommen, aber es war nicht so.

Für die Menschen im Westen war ich immer "das Kind von denen aus dem Osten".

Nun war es plötzlich umgekehrt, das war wirklich schräg. Und traurig für mich!


Sage und schreibe elf Jahre sind so vergangen. Er fuhr hin, ich blieb hier.

Dann kaufte meine Tochter ausgerechnet an dieser Strecke ein Haus.

"Ist ja nur 5 km von der Autobahn", so triumphierte er. Und es dauerte, bis ich begriff...


Im vorigen Jahr bekam seine Mutter gesundheitliche Probleme, mit 88 Jahren.

Ich trug alles mit, was sich daraus ergab und Tagesgespräch wurde.

Vor ein paar Wochen war (mir) klar, was geschehen würde.

Aber es wurde die ganze ärztliche Palette aufgefahren, nochmal viel Geld verdient.


Ich war lange genug in der Palliativpflege tätig und kenne das ganze Prozedere.

Aber ich war ja nur "die aus dem Westen" und hatte keine Ahnung.

Schlimme Tage, ja Wochen folgten, die Medizin fuhr auf, was sie zu bieten hat.

Da kann man noch ein letztes Mal richtig Geld verdienen, das ist einfach so.


Am Ende stand dann doch das Pflegeheim. Warum? Ich hab's nicht verstanden.

Warum kann ein Mensch, der als "terminal" eingestuft ist, nicht daheim sterben?

Doris kam also ins Pflegeheim, nacheinander in diverse Zimmer, wie es gerade passte.

Plötzlich dachte ich an meine Mutter, die ich nicht hatte begleiten können.


Sterbende Menschen sind oft dement, mit einem Bein noch in der Realität.

Und so war es hier auch. Aber keiner hatte den Mut sich schützend vor sie zu stellen.

Vielleicht hat auch von vier "Kids" und Partnern keiner die Realität erkannt?


Heute erreichte das Ganze dann seinen endgültigen (traurigen) Höhepunkt.

Ich nutze kein Smartphone, wofür auch? P. schon, natürlich.

Wir bekamen also stündlich Sterbefotos gesendet. Dann Bilder der Toten.

Von der letzten Versorgung. Vom Einsargen. Vom Sarg im Transporter.


Ist das heute so? Empfindet man weder Respekt noch Scham im Anblick des Todes?

Ich glaube, ich habe mehr geweint, als die "Kinder".

Ich hatte das intensive Bedürfnis sie beschützen zu wollen, vor dem zweifelhaften Tun.

Und war doch hilflos, sozusagen am anderen Ende Deutschlands.


Ganz sicher werde ich nicht mitfahren zur Beerdigung, wo die Handys wieder klicken. 

Ich denke an sterbende Menschen und Respektlosigkeit.

Vielleicht gehöre ich nicht in "diese" Zeit. vielleicht aber eben gerade doch. 


Doris, dein Name ist als zweiter auch der meine, das hat uns verbunden. 

Du musst jetzt keine Schmerzen mehr erleiden. Und du wurdest wirklich geliebt.

Mögest du von allem Leid deines langen Lebens erlöst sein, wo immer du jetzt bist.


Du warst eine starke Frau. Wie ich. 

Deshalb mochtest du mich nicht. Oder eben gerade doch, auf deine Art...







15.03.2026