Wir bekamen erst sehr spät einen Fernseher.
Weil der meinen Eltern offenbar nicht wichtig war.
Sie flohen mit meiner (Halb-) Schwester über den Ratzeburger See
in das Gebiet, welches sie Freiheit nannten: Westdeutschland....
Ich wiederum kannte nichts anderes. Westfalen war mein Geburtsort und Zuhause.
Das allgemeine Sprachengemisch ein Teil meines Heimatempfindens.
Als ich später Europa durchwanderte, da hörte ich oft:
"Woher kommst du eigentlich, du sprichst gar keinen Dialekt?"
Warum auch? Ich war in Westfalen geboren, aber empfand mich immer als Berlinerin.
Als ich nach Norden/Ostfriesland zog, da war ich plötzlich Westfälin.
Und bin eine solche in Emden geblieben...
Nun, im Moormerland, da bin ich wiederum "aus Westfalen".
Und für die Brandenburger Schwiegereltern wiederum "aus Westdeutschland!"
Irgendwann war ich es satt. Immer "die Fremde" zu sein. "Die Auswärtige...."
Aber sollte ich nach Norwegen auswandern, was wäre ich denn dann?
Die Deutsche. "Den Tyske." Das wäre okay, weil es zutreffend ist.
Und das könnte ich akzeptieren.
"Sie war nur kurz hier und hat wenig von sich erzählt."
"Hun var bare her kort og sa ikke mye om seg selv."
Damit könnte ich leben.
Denn ohnehin habe ich nur wenige Menschen in mein Herz schauen lassen...
Sie haben keine Fremdsprachen gebraucht, um mich zu verstehen.
Weil wir uns über die Sprache der Gefühle und des Herzens verstanden haben.
Und ich bin ihnen dafür auf immer dankbar!
Wo immer sie heute auch sein mögen...
Und welches Schicksal sie vielleicht auch aus ihrem Leben katapultiert haben mag.
Meine Mutter war wieder einmal als "Kriegstraumatisierte" im Krankenhaus.
Wir besaßen neuerdings als ungeheuren Luxus einen Fernseher.
Um davor zu sitzen, da wusch man sich in Arbeiterkreisen und zog sich "gut" an.
Wie unvorstellbar ist so etwas heute!
Ich durfte mir also mit meinem Vater den Film "Titanic" anschauen.
Und war als kleines Mädchen zutiefst beeindruckt davon.
Fortan fürchtete ich mich immer vor Wasser. Vor allem vor kaltem.
Hatte es etwas mit den Filmbildern zu tun? Eine Antwort darauf gibt es nicht.
Fest steht, dass ich immer wieder unterging. In unzähligen Träumen.
Aber trotzdem das Wasser liebe und mich irgendwie von ihm angezogen fühlte...
Sollte ich es wirklich nach Nyksund schaffen, das winzige Eiland im unendlichen Meer,
was werde ich dann empfinden?
Das Glück dort zu sein, oder eine unendliche Panik?
Denn eine einzige mächtige Welle könnte diesen Punkt im Meer sofort vernichten...
Doch nichts ist für immer. Und schon gar nicht für ewig!
Irgendwie am Ende der bisher vertrauten Welt.
Und wer nichts wagt, der wird auch untergehen. So sagt man...