Ein zweites Mal im Emder Haus an gleichen Tag, das gab es lange nicht.

Aber ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Massnahmen...

Die Hitze hat uns diesen zweiten Arbeitseinsatz ermöglicht, denn alles ist trocken.

Draußen im Hof wird der  Putz der frisch verputzten Fensternische glatt gerieben.

Während ich in der Küche noch einmal die Teile für den zukünftigen Tisch streiche.

Und dann versuche so etwas wie Ordnung zu schaffen und kleine, schöne Bereiche.

Eine Illusion von Normalität, wo derzeit vieles herrscht, aber gerade das nicht...


Was befindet sich denn in dem kleinen Karton, der auf der Fensterbank steht? 

Die neue Tischdecke aus Leinen. Meerblau. Und von "Friesenherz" aus Greetsiel.

Darauf werde ich die schöne Tischlampe stellen, vom Lieblingsladen, auch im Fischerort.

Jener, der so lange mein Partner war, hat sie mir im Mai 2024 zum Geburtstag gekauft.

Werde ich immer daran denken, wenn ihr mildes Licht aufleuchtet? Ich weiß es nicht...


Er kannte früher den beliebten kleinen Fischerhafen gar nicht, der mir so vertraut ist.

Er kannte eigentlich gar nichts von Ostfriesland vor elf Jahren, was mich verwunderte.

Ich zog 1987 her, nach drei Todesfällen in meiner Familie, alle unnatürlicher Natur.

Bewusst wollte ich damals meine Kinder in Sicherheit bringen, weg vom Tod, mitten ins Leben.

Ach, hätte ich geahnt... Dann.... Aber vielleicht hätte ich dann alles auch genauso gemacht?!

Ich glaube daran, dass es so etwas wie "Schicksal" gibt. Das uns folgt, wohin man auch geht.

Man kann ihm nicht entkommen. Und mich hat es nun im Moorland eingeholt...


Morgen hat "er" Geburtstag. Schöne, liebevolle Karten habe ich früher immer verfasst.

Einmal geschrieben: "Das verflixte 7.Jahr haben wir überstanden, was soll noch kommen?!"

Gut, dass ich es nicht wusste, nicht einmal erahnte. Wer hätte es auch können?!

Wir sind ein Paar fortgeschrittenen Alters, da läuft man nicht einfach so davon.

Ich bin ein treuer Mensch, der keine Rosinen (mehr) im Kopf hat, schätzt was er hat.

Das dachte ich auch vom Partner. Eine tiefe Freundschaft ist Gold wert, einen Batzen.

Vieles wurde gemeinsam durchgestanden, geteilt, getragen, erkämpft...


"Niemals hätte ich dich betrogen, oder verlassen, aber du hast alles mit Dreck überzogen!"

Das war in etwa meine Reaktion, als ich endlich begriff, was da los war, hinter meinem Rücken.

Wenn es irgendwer gewesen wäre - ich glaube, das hätte unsere Beziehung überstanden.

"Er" war/ist viel bei Kundinnen. Davon lebt er, das ist unser Alltag. Na und?

Niemand ist das Eigentum seines Partners, aber was man verlangt, das sollte man selbst leben.

Und dass die Kinder des Partners das größte Tabu darstellen, wer würde daran zweifeln??

Es ist aber ganz anders gekommen. Doch auch das akzeptiere ich. Muss es.

Aber wird nicht meiner Tochter mit ihm ähnliches geschehen, wenn sie frei bleiben möchte??


Unsere Abschlussarbeit ist rasch erledigt, wir schauen uns die Arbeiten zufrieden an.

Kleine Schritte sind es. In einem Haus mit sooo vielen Fenstern und sooo vielen Räumen.

Auf dem Weg zum Auto kommen wir an einem Nachbarn vorbei.

Er war mir schon immer unsympathisch, mit meiner Freundin zusammen, die gelitten hat.

Ein rascher Gruss und schnell weg, jedenfalls denke ich das sofort.

Aber dann lächelt er und spricht mich an. Ändert nichts, ich will eigentlich nichts hören.

Doch seine Stimme ist so anders, ganz sanft und leise und ich höre doch zu.

Es folgt dann eine ganze Geschichte, die mich sehr und zutiefst berührt...


Es ging ihm nicht gut, die Gesundheit war lange vernachlässigt. Ab ins Krankenhaus.

Die Stimmen aufgeregter Ärzte und Krankenschwestern hörte er noch, dann nichts mehr.

Der Schmerz war fort, die Angst zu sterben. Er war ganz ruhig, Frieden breitete sich aus.

"Es war wundervoll", sagt er. Und auch: "Ich war tot und es war in Ordnung so!"

Mir fiel nichts ein, was ich hätte antworten können. Es hätte alles hohl geklungen.

Aber der früher so harte Mann lächelt. "Ich kam zurück ins Leben, mit vier stents..."

Yoga praktiziere er jetzt, erzählt er noch. Es sei extrem entspannend.

Er lebe nun fleischlos, sähe seine Beziehung ganz neu und sei maximal entspannt...


Meine Verblüffung könnte größer nicht sein! Ist das noch der Mensch den ich kannte?

Seine Geschichte berührt mich tief und besonders das Strahlen in seinen Augen.

Ich bin äußerst dankbar, für dieses tiefe und ernsthafte Gespräch.

Möchte gerade fragen, ob ich diesen geläuterten Mann zum Abschied umarmen darf?!

Da tut er es schon. Und es fühlt sich wunderbar an, als sei er ein Engel.

Diese Situation hätte ich niemals, niemals, niemals für möglich gehalten...


Im Auto erwähne ich es noch. Wie ein Mensch sich dermaßen wandeln kann?! 

Vom Saulus zum Paulus durch eine Nahtod-Erfahrung, wer hätte das gedacht?

Wieder einmal bin ich zu harmlos, obwohl ich es besser wissen sollte...

Die Stimmung kippt total und im Moorland bekomme ich es zu spüren. 
Was ist denn nun wieder? Was passt dem (Haus)Herren denn jetzt wieder nicht?

Wie früher gehe ich auf rohen Eiern. Nur kein Ärger mehr, jetzt, zum Schluss.

Aber dann begreife ich: Es war die Umarmung und es ist die krankhafte Eifersucht!


Ach so?? Das passte ihm nicht, obwohl er daneben stand? Und ich soll akzeptieren, dass...

Ich verschwinde in meiner winzigen Dachkammer und könnte platzen vor Empörung.

Wieder einmal hat "er" gar nichts verstanden, das "blöde" Gespräch hat ihn genervt.

Und dann umarmt der Typ mich auch noch. Aus ist's mit der vorgespielten Ruhe.

Erneut wird mir eindringlich klar: "So wäre es wieder, wieder und wieder!" Nein, danke, aus!


So wurde also aus einem einst sturen und jähzornigen Typen ein äußerst freundliches Wesen.

Vom Saulus zum Paulus im Operationssaal sozusagen.

Und jenem, der vorgab sich auch dergestalt geändert zu haben,

dem fiel die Maske von jetzt auf gleich ganz abrupt vom Gesicht.



Es war ein sehr aufklärender Abend und ganz sicher kein Zufall.

Ich gehöre niemandem. Nur mir selbst. Und ich tue jetzt, was ich will!







- 22.06.2025 -