Wenn ich nicht mehr bin, was wird dann sein?
Nichts. Gar nichts...
Warum so traurige Gedanken? Weil man sie heute beerdigt hat.
Jene Frau, die fast elf Jahre lang meine Schwiegermutter war.
Oder besser: Es hätte sein können. Wenn sie es denn hätte sein wollen...
Ich erinnere mich an 2015, jenes schreckliche Jahr, in dem ich meine Familie verlor.
Alles, was ich geliebt hatte. Denn nur Menschen zählen im Leben, das so kurz ist.
Alle meine Fenster und Zimmertüren hatte ich in meinem Haus selbst eingebaut.
Bei der Haustür traute ich mich nicht. War wäre, wenn sie nicht zu schließen wäre?
Zum ersten Mal kam 2015 ein Handwerker in mein Haus. Es war Peter.
Dass er gekommen war um zu bleiben, das wäre mir nie in den Sinn gekommen!
Er sprach einen extremen Dialekt. Den ich ewig nicht mehr gehört hatte!
Es war jener meiner Eltern, die nach dem 2.Weltkrieg aus Berlin geflüchtet waren.
Vor den Russen. Wie sie immer wieder betonten!
Es war wohl 1947. Fluchthelfer schleusten sie in der Nacht über den Ratzeburger See.
Meine Schwester war mit Schlafmitteln "ruhig gestellt".
Sie hatten Todesangst. Was wäre geschehen, wenn man sie entdeckt hätte?
"Sie hätten uns an die Wand gestellt und erschossen," das sagte meine Mutter oft!
Damit bin ich aufgewachsen. Als westfälisches Kind. Und eben doch nicht.
Meine ganze Familie lebte im Osten von Berlin.
Und ich durfte sie nur besuchen, wenn die Russen es gerade mal "erlaubten".
Im Ruhrgebiet wiederum war ich immer "das Flüchtlingskind".
Im Osten, bei Großeltern, Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins:
"Das Kind aus dem Westen!" Das in einer angeblich goldenen Umgebung aufwuchs.
Aber: Ich schlief in der Realität mit meinen Eltern im kleinen Schlafzimmer.
Ich hatte nicht einmal einen eigenen Schrank. Gar nichts....
Und meine Eltern? Passten sich nie an. Sie blieben "die Flüchtlinge"...
Jene Menschen mit Dialekt, die nie im Westen "angekommen" waren.
Sie trennten sich und ich landete in einem katholischen Waisenhaus.
Über diese Zeit schweige ich lieber. Andere tun es nicht...
Essens - Entzug. Derbe Prügel. Gezerrt werden aus dem Bett, ab in den Keller.
Ich ging offiziell jeden Tag "zur Schule". Ach, wie denn, ohne Fahrgeld???!
Ich lief stattdessen zur Dortmunder Bibliothek. Wo ich meine Tage verbrachte.
Alle diese wunderbaren Bücher wurden meine Freunde, ich liebte sie.
Sie ersetzten mir die Menschen, die ich nie hatte. Eltern. Geschwister.
Nun kam viele Jahre später ein Mensch in mein Haus mit ihrem Dialekt.
Da war plötzlich irgendwie alles vertraut, die Vergangenheit wieder da.
Was wiederum war ich denn damals für Peter?
Eine nette, freundliche Frau. Allein in einem riesigen Haus lebend.
Was hat er gedacht? "Oh, ein Opfer!" Oder: "Die ist aber nett!"
Jedenfalls gefiel ich ihm offenbar. Was schmeichelt, wenn man einsam ist.
Wir wurden ein Paar. Ich lernte seine Familie in Brandenburg kennen.
Seine Mutter war irgendwie irritiert. Ich entsprach nicht den Vorgängerinnen.
Und fiel damit aus dem üblichen Raster. Thema durch!
Ich fühlte mich fremd, wo ich doch glaubte eine Familie gefunden zu haben.
Ihr erster Vorname war (ist jetzt noch immer) mein zweiter, doch das half mir nichts.
Und ich begriff, dass ich wieder ungeliebt (unbeliebt?) war.
Der Schmerz darüber traf mich wie ein Schwerthieb mitten ins Herz...
Ich habe trotzdem nun, auch nach ihrem Tod, viel um sie geweint.
Besonders heute, nach der Beisetzung der Urne im Brandenburger Friedwald.
Vielleicht, weil jetzt alles zu Ende ist. Ich vermag ihre Liebe nicht mehr zu gewinnen.
Die nächste Generation die beerdigt wird, das sind wir...
Wer wird einmal an meinem Grab stehen? Meine Kids, mein Enkel?
Wird es namenlos sein, sozusagen vom Winde verweht?
Gäbe es einen Grabstein, was stände darauf?
"Sie war voller Liebe!" Das würde ich mir vielleicht wünschen...
Aber meine Asche wird namenlos verbuddelt werden.
Und vermutlich wird niemand da sein. Wie gruselig!
"After I'm gone" - was wird sein? Nichts. Gar nichts!
Es wird sein, als hätte es mich nie gegeben...
