Was sehen wir, wenn wir in den Spiegel schauen?

Die Gegenwart? Die Vergangenheit? Die Zukunft? Alles zusammen, oder nichts davon?

Was erblicke ich nun, woran glaube ich, was lohnt sich noch, was nicht?


Ich sehe manchmal meine Mutter und meine Schwester.

Die so eng verbunden waren in ihren Vorstellungen vom Leben.

Weil Mutter und Kind aus Berlin nach Polen flohen und zum Kriegsende wieder zurück? 


Oder weil sie ähnliche Ansichten vom Leben hatten, 

was Partnerschaften, Mode, Aussehen und andere Oberflächlichkeiten betraf?

Und beide ihr Leben mit einem Suizid beendeten, als sie nicht mehr weiter wußten?


Ich war immer das "so andere Kind", mit braunen Haaren und dunklen Augen. 

Eine Enttäuschung auch, weil ich die Freiheit so sehr liebte,

in der Natur daheim war, Bäume und Tiere als meine Freunde empfand.


Aber hatte ich das "ausgewählt", war ich nicht so schon zur Welt gekommen?

Bei der Taufe sagte der Pfarrer zu meinen Eltern, dass ich ein Geschenk Gottes sei,

weil sie schon 40 Jahre alt waren und ich ein so liebes Wesen hätte.


Er hielt mich lange auf dem Arm und ich mich an ihm fest, so wurde mir oft erzählt.

Vielleicht spürt so ein kleines Wesen, dass es daheim nicht geliebt,

aber in diesen Armen liebevoll gehalten und betrachtet wird?!


Habe ich nicht noch ein Leben lang nach dieser Sicherheit gesucht?

Nach dieser Offenheit und Zuwendung?

Ganz gleich, ob ich nun blaue oder braune Augen hatte...


Meine Großmutter väterlicherseits mit ihren dunklen Augen hätte mich vielleicht gemocht.

Aber die Nazis haben sie mir entrissen, weil sie den falschen Glauben hatte. 

Die kleine, zierliche Frau, die ihren drei Söhnen eine so liebe, aufopferungsvolle Mutter war.


Warum sind wir Menschen immer irgendwie verkehrt, je nach Sichtweise? 

An dem einen Ort sollen wir so sein. Am anderen gerade entgegengesetzt.

Wer bestimmt das? Und warum? Kann man nicht einfach das Individuum anschauen?


Gestern und vorgestern war ich im Emder Haus, um die nächsten Schritte zu tun.

Gestern habe ich meine Kleidung ausgeräumt, weil ich die Wand dahinter tapezieren muss.

Mit großen Staukästen hatte ich vorgesorgt, Beutel für die Bügel mitgebracht.


Aus der angedachten leichten und routinierten Aktion wurde dann so schnell nichts.

Ich nahm die Teile von den Bügeln, faltete sie zusammen und bildete Stapel.

Bis mich plötzlich das mächtige Gefühl überkam, dass ich das alles schon so getan hatte.


Es war irgendwie das Empfinden ich sei gestorben und müsse nun alles aussortieren.

Fühlte mich plötzlich in der Haut meiner Tochter, die einmal genervt sein wird.

Das warf mich um! Sollen Eltern denn lebend alles entsorgen und nur ein Konto hinterlassen?


Ich habe mich für eine Weile auf den Boden gesetzt und traurig an den Türrahmen gelehnt.

Mich an die Zeit der beruflichen Hospizpflege erinnert, diese schweren und langen Jahre.

Verbunden mit den Fragen der Überlebenden: "Was mache ich denn nur mit all' den Sachen???" 


Plötzlich war gestern alles wieder da, als seien nicht die Jahre dazwischen vergangen.

Da war das Gefühl, dass nun ich wieder einmal vor diesem Problem stehe.

Nur sind es nicht die Sachen meiner Mutter, oder meiner Schwester, sondern meine eigenen.


Ich packte wie für meinen eigenen Tod, als wäre ich schon gestorben, das war das Gefühl!

Was hebt man jetzt auf, was braucht man nicht mehr? Welches Teil hat immer so gern getragen?

Was tun meine Kinder damit, wenn ich nicht mehr bin? Hoffentlich muss ich es nicht sehen...


Es sind sechs sehr große Klarsichtboxen geworden, Unterwäsche, Gürtel und Schuhe folgen noch.

Als ich mich etwas beruhigt hatte, da baute ich auch noch das große, nun leere Regalsystem ab.

Es ist die nächste Wand, die im Schlafzimmer von mir zu tapezieren ist, darum musste es sein.


Langsam sehe ich, wie es einmal werden wird. Aber vielleicht will ich das gar nicht?!

Oft frage ich mich welchen Sinn das alles jetzt hat? Noch einmal dort anzufangen.

Wo man schon einmal gelebt, geliebt, geweint, gelacht hat, glücklich und traurig war...


Wieviel Zeit bleibt mir? Wie wird das Ende sein? Vor ein paar Wochen war das noch nicht wichtig.

Doch nun ist meine Welt, ist mein Leben, gänzlich aus den Fugen geraten. 

Wenn ich heute in Nachrichten höre: "Bis 2029", dann weiß ich, dass mich das nicht mehr betrifft!



Noch habe ich mich nicht daran gewöhnt. Werde ich es, bis es soweit ist? 

Die Gedanken gehen in Richtung Schweiz, ich war immer selbstbestimmt!

Doch derzeit ist mir, als sei es die Geschichte einer anderen Person 

und nicht meine eigene...