Der Samstag gehörte der Altstadt, den zahllosen kleinen Gassen, verwunschenen Innenhöfen, Resten der maurischen Kultur. Aber auch einen Supermercado galt es zu finden und eine preiswerte Möglichkeit für ein warmes Essen. Immer wieder glitt mein Blick zur neuen, roten Billigarmbanduhr vom Discounter. Ich erin- nere mich noch gut, wie ich hinrannte, um eine solche zu ergattern und nirgendwo mehr eine lag. Dann fragte ich an der Kasse nach und bekam einen Karton hingehalten: Nix war es mit der ersehnten schwar- zen, unauffälligen Uhr. Weiß wäre auch noch gegangen, oder im Notfall kobaltblau, aber da lag eine rote. Friss oder stirb! Also kaufte ich sie...

Witzig war, dass zwei rote Wanderhosen dadurch auch in mein Leben kamen ("zufällig" bei eBay). Und ebenso durch einen "Zufall" entdeckte ich (da ich meine Hütte aufräumte, für den Fall, dass mir unterwegs etwas zustoßen würde) im Regal ein kleines Papiertütchen. Als ich es öffnete fiel ein unscheinbares Schnur - Armbändchen heraus, welches ich beim 3.Camino auf dem O' Cebreiro gekauft hatte. Ich wollte gern et- was für meine Tochter erwerben und natürlich sollte es preislich im Rahmen und zugleich leicht sein. Wer wandert braucht nur was er tragen kann... Als ich nichts fand und schon fast aus dem Laden heraus war, fiel mein Blick an der Kasse auf ein kleines Körbchen. Am Henkel ein Infozettelchen in mehreren Sprachen:

Wenn Du einmal in große Not gerätst, so klingele mit den Glöckchen

und sei gewiss, dass Dir die Engel zu Hilfe eilen werden!

Den Gedanken fand ich berührend, daher erwarb ich zwei Bändchen, eines fürs Töchting und eins für mich. Das in Vergessenheit geriet... Nun sah ich, dass es rote Glöckchen hatte, die supergut zur neuen Uhr pass- ten und weil ich es auch wegräumen wollte, so legte ich es an. Aus heutiger Sicht mutet es wie eine Ver- kettung von schicksalshaften Ereignissen an. Die jeder beurteilen mag, ganz wie er sie sehen möchte.

Auch, dass eine der beiden Trekkinghosen eine Besonderheit hatte. Ich hatte bei eBay nur auf sie geboten, weil mir eine skandinavische Pilgerin mal gesagt hatte sie trüge nur eine ganz besondere Marke, das sei einfach die beste und die Sachen hielten ein ganzes Trekkingleben lang... Nun hatte ich ein solches Teil er- gattert und staunte, als es anreiste: Man konnte nicht nur die Hosenbeine abzippen (praktisch da ich grund- sätzlich immer morgens mit langer Hose losgehe), sondern sie auch an der Seite ganz öffnen, entweder zur Belüftung, oder um sie nicht über die Wanderstiefel zerren zu müssen. Das spielte später in der Notaufnah- me eine große Rolle, denn man riss mir ALLES was ich am Leib trug herunter und was sich nicht öffnen ließ wurde gnadenlos aufgeschnitten. Das wäre das Ende der guten Hose gewesen, aber so trug ich sie auf dem ganzen Camino und verkaufte sie danach zu einem besseren Preis, als ich selbst bezahlt hatte. Ich ver- mochte ihren Anblick einfach nicht zu ertragen...

In eben jenem Beinkleid durchstreifte ich also die fünf Jahrzehnte lang ersehnte Stadt. Mit Wandersandalen. Ich war ja schließlich keine Urlauberin, sondern eine Pilgerin. Von meinen anderen Wegen war ich es ge- wohnt "Leidensgefährten" auf Anhieb zu erkennen. Wanderhose und -stiefel - das war garantiert kein spa- nischer Einwohner... Nun aber sah ich niemanden. Und wo ich auch den "Camino Mozarabe" erwähnte - selbst die Einwohner von Granada hatten noch nie davon gehört... Es war ein seltsames Gefühl. Sich einen Traum zu erfüllen und die Alhambra zu sehen und zugleich zu wissen, dass sie nur der Vorgeschmack war auf etwas, dass ich einerseits als großes Abenteuer einschätzte, von dem ich zugleich aber auch berechtigt Gefahr als Solowanderin erwartete. 

Zudem fehlte mir Peter enorm. Ich hatte schöne Tage mit ihm hinter mir, wir hatten uns über Gott und die Welt (und das buchstäblich) ausgetauscht. Ich fühlte mich ungeheuer wohl mit ihm. Jetzt war er nicht mehr neben mir. Ich stöberte in so vielen geheimnisvollen Ecken herum, entdeckte Zugänge, Ruinen, verborgene Gebäudeteile. Ach, was wäre das für ein Spaß gemeinsam mit ihm gewesen, der für jedes Risiko in dieser Hinsicht zu haben ist! Witzigerweise hat er mich gestern angerufen und wir kamen auf damals zu sprechen. Er erinnerte mich nochmals daran, dass ich von der zweiten Weg-Etappe mit Furcht gesprochen hatte. "Al- so wenn mir dort etwas zustoßen sollte, dann..."

Ich hatte ein neues Testament geschrieben und er versprach mir, es zur Post zu bringen. Schon lange habe ich alles vorliegen: Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht. Meine Tochter wird mich in allem vertreten. Mein Sohn hat mir versprochen: "Sollte Dir auf einem Deiner Wege etwas passieren, dann wirst Du Dein Ziel erreichen, so oder so. Ich werde Deine Asche in Finisterre von den Klippen hinab ins Meer streuen". Wir haben immer wieder offen darüber gesprochen. Was ich mir wie wünsche. Die Kinder sollen Sicherheit haben für den Fall, dass sie Entscheidungen treffen müssen. Kein Grab wünsche ich mir, sondern die Frei- heit des Meeres und eine ewige Reise durch die Welt...

Viel zu früh ging ich am Abend los, um erneut zur Alhambra aufzusteigen. Schon von Deutschland aus hat- te ich meine Eintrittskarte gekauft den sog. "Blauen Pass", Circular Azul. Mit ihm durfte ich die Nasridenpa- läste mit dem berühmten Löwenhof zur Nacht besuchen, mit besonderer Ausleuchtung und am Folgetag dann die Gartenanlage und die Festung. Da ich darüber schon an anderer Stelle geschrieben habe möchte ich es nicht wiederholen. Nur noch einmal sagen, dass ich nach wie vor das Gefühl hatte, in diesen Gemä- chern heimgekommen zu sein. Ich stand mit klopfendem Herzen vor den Fensteröffnungen,d sah hinüber zum Platz San Nicolas, von wo aus Musik herüber klang. Und es war mir, als habe ich schon unzählige Male den Blick so schweifen lassen und der Musik zugehört... Mit meinem christlichen Glauben ist es nicht ver- einbar an mehrere Leben zu glauben und doch war da etwas, wie hier mit meinem Haus auch...

Man durfte bis 23.30 Uhr bleiben und ich kostete die Zeit aus. Danach stiegen alle in die Kleinbusse, um hinunter zur Neustadt gefahren zu werden. Ich aber lief, durch den nur noch spärlich beleuchteten Wald, unter den vielen uralten Steintoren hindurch. Es war eine warme Vollmondnacht und ich dachte immer wieder, dass Glück sich wohl so anfühlen müssen.  Haargenau so. Als ich die Altstadt erreichte war sie wie leergefegt, vom Trubel des Tages nichts mehr zu spüren. So mochte ich es. Still und menschenleer, mit dem Klang meiner Schritte auf den Steinen. Der Weg zog sich, bis ich an der Kathedrale vorbeieilte. Im Sei- teneingang lag wieder der Flötenspieler in seinem warmen Schlafsack und spielte leise vor sich hin. Unsere Blicke kreuzten sich kurz. "Buenas Noches"! Ich nickte und lächelte...

Am Sonntagmorgen zog ich früh los, den Berg wieder hinauf, nun waren die Gartenanlagen an der Reihe und ich hatte mir angelesen, wie umfänglich diese waren. Natürlich wollte ich alles sehen, viele Fotos ma- chen, um etwas als Erinnerung mitzunehmen. Überall Menschen, in Massen. Horror. Das empfand ich (noch ohne zu wissen, dass ich Asperger Autistin bin). So versuchte ich den unzähligen geführten Gruppen aus- zuweichen, was fast unmöglich war. 7000 Menschen finden pro Tag Einlass, das ist streng reglementiert. 400 nachts und je 3300 vor-, bzw. nachmittags. Plus dem ganzen Personal. Gemeinsam mit Peter hätte ich das besser übersehen. Aber ich war allein. Und floh von einer Ecke in die andere, um Stille zu finden...

So geschah es, dass ich mich schon kurz nach 13 Uhr auf den Weg zum Ausgang machte, obwohl ich bis 14 Uhr hätte bleiben dürfen. Was ich hatte sehen wollen, das hatte ich mir angeschaut. Und noch ganz ne- benbei beim Vortrag eines Führers den Satz erwischt: "Da drüben, in der Sierra Nevada, sehen Sie den höchsten Berg Spaniens. Dort finden Sie ein hervorragendes Skigebiet!" Mit gemischten Gefühlen sah ich mir den Gletscher an. Ich fürchtete die Berge nach den Erfahrungen mit den Pyrenäen, den schnellen Wet- terumschwüngen. Und es gab keine gelben Pfeile, denen ich würde folgen können. Nur ganz vereinzelte. Leicht zu übersehen.

 

Entnommen einem Blog zum Kalifenweg (leider weiß ich die Quelle nicht mehr):

 

Oliven, Geschichte, Einsamkeit.

Eines gleich vorab: Dieser Camino ist hart, er fordert!

Gleich hinter Granada geht es hoch in die Berge - in die Subbetica.

Wer vom Camino Frances die sanften Hügel der Meseta im Kopf hat, wird sich hier direkt hinter Granada ganz anderen Herausforderungen ausgesetzt sehen: Es geht kräftig rauf! Und das ändert sich auch nicht, bis man die Sierra Morena (nördlich von Cordoba) hinter sich gelassen hat. Man wandert zwischen schier endlosen Olivenplantagen - und das führt zu Orientierungsschwierigkeiten.

Der Weg ist spektakulär - aber sehr einsam.

Nicht nur, dass man sich zwischen all den Olivenbäumen ziemlich verloren vorkommt – man trifft auf niemanden! Stattdessen kommt man an Ruinen und wild wucherndem Oleander vorbei - meistens ohne irgendwelchen Schatten!

Unterkünfte: Albergues gibt es keine!  Schatten? Fehlanzeige!

Auf den rund 450 km von Granada bis Merida stehen Millionen von Olivenbäumen, Schattenspender sind sie jedoch keine... Ohne Hut und Sonnenschutz geht nichts! Man ist vom Start (morgens sehr früh) bis zur Ankunft am Ziel (nachmittags) also in der prallen Sonne unterwegs. Unter diesem Gesichtspunkt bekommt der Name "Extremadura" die ihm innewohnende Bedeutung: Extrem hart.

Zitat - Ende.

Ich wusste also (oder ahnte zumindest), was mich erwarten würde. Die restliche Zeit verging wie im Fluge. Am Montag suchte ich nach einem Outdoorladen, um eine Gaskartusche für meinen Kocher zu bekommen und meine Hostalwirtin schickte mich dafür durch die halbe Stadt. Vergeblich. Campingläden massig, aber Trekkingartikel null. Durch Glück fand ich einen Shop direkt an der Kathedrale und zum Glück war der In- haber der englischen Sprache mächtig. Camino Mozarabe? Hatte er nie gehört. Ich zeigte ihm das Schild an der Hauswand direkt gegenüber. Erstaunen. Ich lief etliche Kilometer der anstehenden Etappe ab, um mich zu informieren. Wie erwartet konnte man den Wanderführer eigentlich direkt in die Tonne kloppen, grrr!! Die Nacht war kurz und unruhig. Was ich vor meinem zweiten Jakobsweg gesagt hatte, das traf auch in diesem Moment zu: Beklommenheit machte sich breit, von Vorfreude keine Spur! Noch einmal Toast und Kaffee, dann packte ich sorgfältig den Rucksack, mit leicht zitternden Händen. 13 kg mit Zelt, Matte etc.

 

Ganze 26 Stunden blieben mir noch, in denen ich mich normal würde bewegen können.

Gut, dass ich es nicht wusste, sondern mich nur fürchtete, vor dem, was viell. sein konnte...

 

You walk a lonely road - oh, how fare you are from home,

believe and you will find your way...

 

 

 

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