Es war schon nach Mitternacht, als meine Freundin und Herzensschwester mir die Karten legte, wie sie es immer tat, wenn am Folgetag meine Heimfahrt anstand, die mich über viele Stunden auf die Autobahnen der Republik gen Norden führen sollte. Nie wussten wir, ob ich wiederkommen würde. Die Entfernung so groß, die Fahrtkosten hoch, die Kräfte (auch des alten Autos) nachlassend. Doch unsere Freundschaft war schon seit so vielen Jahren unerschütterlich, auch wenn wir uns nur selten sahen und immer ich diejenige war, die den weiten Weg auf sich nahm.

Das Blatt sagt, was es mir immer versprach: Schwierigkeiten, aber am Ende Glück im Unglück. Ein Retter zur Seite, Mut, eine glückliche Wende, Neubeginn. Doch trifft das nicht auch stets wieder zu? Irgendwie bin ich in aller Not doch beschützt. Was mir geholfen hat zu überleben. Als das Blatt zusammengeschoben ist, entscheidet meine Freundin, auch noch das Lebensbild auszulegen, die Karten als Symbole für Jahrzehnte, nicht nur Tage oder Wochen.

Erneut wird gemischt und abgehoben, dann werden Karten gezogen und untereinander gelegt. Nacheinan- der decke ich auf. Nur Pik und Kreuz. Meine Freundin runzelt die Stirn, liest zur Sicherheit noch mal in ei- nem Buch nach. Ihre Worte klingen nicht gerade ermutigend. Da gibt es eine Frau voller Hass, Krankheiten, Tod, Verluste. Ganz leise wird das vorgelesen. Das also macht mein Leben aus! Irgendwie sind wir  still ge- worden, die gute Stimmung von zuvor ist gänzlich verflogen. Aus einem Spaß ist Ernst geworden. Wir se- hen "schwarz" im allerwahrsten Sinne des Wortes.

Die Karte in der Mitte ist noch nicht umgedreht. Sie steht für das, was mich selbst ausmacht. Insgeheim rechne ich aus, welche der schrecklichen Pik- oder Kreuzkarten noch fehlt. Sehr vorsichtig drehe ich um. Es ist ein roter Bube, der singt und die Laute spielt, sein Gesicht ist fröhlich. Ich bin erleichtert. Das kann nur positiv sein! Meine Freundin liest: "Er steht für Erneuerung, ständigen Anfang, Musik und Tanz, Sexualität und Geburt, Lebensfreude, Fantasie und Kreativität."

Wir schauen uns an. Ich bin erleichtert, sie ist irritiert. "Wie kann man singen, tanzen und lachen inmitten dieses Meeres von Schmerz? Aber es stimmt, so bist du! Gott hat dir viel mitgegeben, manchmal denke ich, es ist die Kraft von vier Menschen! Inmitten all' des Leides ist doch immer auch viel Glück - unbegreiflich, für einen einfachen Menschen, nur Gott wird wissen warum!"

Das Kartenblatt entsprach dem Bild, das ich immer von meinem Leben gehabt hatte. Es geht mir doch gut. Was durfte ich nicht alles erleben, welche Erfahrungen wurden mir ermöglicht, wundervolle Kinder ge- schenkt, ein süßer Enkel. Ich durfte Liebe erleben, starke Gefühle. Meine Grenzen austesten. Mich finden, mehr und mehr. Die Freiheit, die ich brauche. Ich bin unterwegs auf einem Weg, kann mich ausschütten vor Lachen, fröhlich sein und ausgelassen tanzen. Inmitten aller Dunkelheit, die mich zweifelsohne umgibt. Da man die Vergangenheit nicht abstreifen kann, wie einen schwarzen Umhang, den man zu Boden gleiten lässt...

Noch immer bin ich auf der Suche nach dem Glück, dem ganz kleinen, bescheidenen, denn das große durf- te ich schon erfahren. Dafür bin ich immer wieder dankbar. Dass es Inseln für mich gab, im Meer der Ver- zweiflung. Leuchtende Farben. Bunte Menschen. Wärme. Musik.Träume. So konnte ich nie ganz versinken...

Eine Entscheidung steht an. Es gibt ein Haus. Ja, wieder eines. Dumpingpreis, noch verhandelbar, eine mo- natliche Hypothek unter 50 €(!). Ein kleines Grundstück, wie ich es wollte, Raum für ein Holzatelier, keine Nachbarn Wand an Wand, die Johannisloge direkt gegenüber, nichts ist verbaut, alles frei zu gestalten. Hamburg wäre ganze 50 km entfernt, so nah war noch kein Objekt. Aber... Auch davon gibt es viel. Wie weit reichen meine Kräfte? Ihre Grenzen erfahre ich jeden Tag neu. Der Bube hat seine Laute beiseite ge- stellt. Er tanzt und singt seit einiger Zeit nicht mehr.

Heute wollte ich anrufen, einen Termin für morgen ausmachen.  Die Verbindungen waren ausgesucht. Nah- verkehr, da 2 Ländertickets. Bedeutet im Klartext: 10 (!!) Stunden in Zügen, etliche Male umsteigen, warten. Wir haben Februar, es ist kalt, schneit und graupelt. Da jagt man keinen Hund vor die Tür. Ich werde das nicht schaffen, so merke ich. Zehn Stunden unter Menschen, mit ihren Gesprächen, Geräuschen,  ihrer Prä- senz, der ich nicht entgehen kann. Dazu kommen die Fußwege zu und von den Bahnhöfen. Die eigentliche Hausbesichtigung, bei der ich sämtliche Sinne geschärft beisammen haben müsste. Es gäbe nur diese eine Chance. Entweder, oder. 

 

Mit marternden Kopfschmerzen schlafe ich ein, erwache nachts mehrfach damit.

Schrecke am Morgen hoch, mit diesem Bohrer im Kopf.

Stärke ist gefragt und zugleich unmöglich. Ausgelassener Bube, was wurde aus dir?

 

 

 

 

Ich möchte alle Maskerade ablegen, kein Narr für Publikum (mehr) sein. Nur ganz ich selbst.

Eine Autistin hinter schützendem  Glas. Der Wand. Aber trotzdem lächelnd und tanzend...

 

 

 

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