Ich sollte nicht zur Welt kommen, meine Mutter tat alles um's zu verhindern.
Aber die "Engelmacherin", die mehrfach kam,vermochte mich nicht zu töten.
Wie oft hat meine Mutter mir diese Geschichte erzählt. Stets voller Hass!
Vielleicht habe ich eben gerade deshalb immer so gern gelebt?
Nie hat sie gesagt: "Du hast so schöne lange Haare, warme braune Augen."
An mir war alles falsch. Schlank zu sein. Mutig. Klug. Belesen.
Ich war das Gegenteil von ihr. Und unter Hitler hätte ich nicht überlebt.
Wie oft habe ich mir das anhören müssen. Mich gefürchtet vor irgendetwas.
Aber ich wurde erwachsen und begriff was Hass ist, wie er sich darstellt.
Warum er sich gerade auf mich richtete, erfuhr ich erst Jahrzehnte später.
Und da war es für vieles zu spät und anderes zu früh.
So ist das Leben. Und wir können es uns nicht aussuchen.
Aber wenn wir alle Wahrheiten kennen, dann können wir daraus lernen.
An Geräten zu turnen war nicht meine Begabung.
Aber meine Mutter hatte in diesem Fach stets Bestnoten.
Ich dafür in Fremdsprachen, Geschichte und Deutsch. Aber das galt nicht!
Lange hat meine Mutter mein Leben bestimmt, aber dann starb sie.
Sie hat sich für einen Suizid entschieden. Meine große Schwester auch.
Ich ging fort, relativ weit weg, vom Ruhrgebiet ans Meer, die Nordsee.
Fand einen Job bei einem Raumausstatter, baute Jalousien.
Auch Rollos, Raumteiler und Lamellenvorhänge.
Nachts renovierte ich die alte Doppelhaushälfte, die ich gekauft hatte.
Eines Tages klingelte es an der Hautür und eine Frau stand davor.
"Sie kommen doch auch aus dem Ruhrgebiet?" Ich bejahte.
Nun hatte ich eine Freundin und fühlte mich nicht mehr so fremd wie zuvor.
Wir unternahmen abends oft etwas und das war ganz neu für mich.
Sie wollte immer unbedingt in eine Diskothek, weil sie dort noch nie war.
Überredete mich eines Abends zu einem Besuch, ein paar Straßen weiter.
Meine Teenager-Tochter toupierte meine Haare und zog mich an.
Ich fühlte mich wie ein aufgedonnertes Zirkuspferd, das erinnere ich noch.
Die Diskothek erschien mir als "dunkle Bude" und keiner war da.
Bis 23 Uhr kostete es keinen Eintritt, aber es war auch nichts los.
Das hatten wir also davon!
Mit einem Schlag wurde es dann voll und laut, ich wollte nach Hause.
Aber so ein blöder Ostfriese forderte mich zum Tanz auf und hörte nicht auf.
Na gut, dachte ich. Tanzen kann ich nicht, das wirst du gleich merken.
Und dann bin ich weg, aber endgültig...
Ich sagte ihm sofort, dass ich noch nie im Leben in einer Disko gewesen sei.
Er lächelte und antwortete: "Mit mir kann jede Frau tanzen!"
So ein Angeber, dämlicher Ostfriese, blöder Typ!
Die Musik setzte mit einem Schlag ein und wir tanzten.
Auch noch den Song danach, den dritten usw.
Es wurde mehr aus uns. Wir tanzten uns durch Ostfriesland.
Ich, die Krankenschwester im Bereich der Gerontopsychiatrie tätig.
Und er, der Orthopädiemechanikermeister. Es passte.
Wir tanzten, wo immer auch "unsere" Musik lief.
Dann begriff ich, wie sehr ich sein Leben verändert hatte. Und er meines.
Ich bekam Zweifel. Und ließ ihn los, schob ihn von mir. Aus Liebe.
Manchmal fuhr ich abends zu seinem Geschäft, sah' ihn zum Auto gehen.
War versucht zu ihm zu rennen, ihn zu umarmen und zu bitten:
"Lass`mich nie mehr los!" Aber ich tat es nicht. Aus Liebe.
Manchmal habe ich ihn gegoogelt. Um zu lesen, dass es ihm gut ging.
Aber eines Tages fand ich eine Todesanzeige: "Ich bin segeln!"
Es war eine Reise ohne Wiederkehr.
Und wieder ein Mensch den ich verloren hatte.
Von mir wird es keine Anzeige geben, wer sollte sie auch beauftragen?
Manchmal denke ich daran. Georg tot. Johann auch. Peter so früh.
Was wird aus mir? Ich werde an einem fremden Ort sterben.
Niemand wird mich gekannt haben. Vermissen.
Gewusst haben welche Träume ich hatte. Und wie ich gelebt habe.
Vielleicht bleiben nur Worte von mir. Hier, in den Weiten des Internets.
Vielleicht wartet aber irgendwo doch jemand auf mich.
Im Himmel? In der Hölle? Ganz woanders?
Das wäre ein schöner Gedanke...